Susanne Wagner


Ich mache einen Schritt zur Seite und schaue in ein strahlendes Gesicht. Die Frau mir gegenüber am Tisch sitzend blickt auf das Chart neben mir und nickt. Sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sagt zu mir: „Das ist es.“ Wir haben gerade ihr Big Picture entwickelt. Sie möchte bekannter werden im Markt und der Prozess bis hierher war ein ganzes Stück Arbeit. Jetzt sieht man das Glänzen in ihren Augen. Momente wie diese genieße ich genauso wie die Menschen, mit denen ich arbeite. 

Meine Spezialität sind Einzelunternehmer, Selbstständige und Menschen, die ihren Traum verwirklichen möchten. Manchmal ist es jedoch auch aus der Not heraus, dass jemand selbstständig wird. Diese Situation finde ich besonders sensibel, denn es geht um den Menschen in seiner Identität. Und es ist für denjenigen nicht einfach, sich sichtbar zu machen, denn dieser hat oft das ein oder andere Harte erlebt, es nicht immer leicht gehabt. Ich bewundere sie für ihren Mut, in die Selbstständigkeit zu gehen. Ich schätze es sehr, wenn sie dann das Heft in die Hand nehmen und sagen: „Okay, ich mache jetzt was draus, egal was war.“ Ich möchte diese Menschen darin unterstützen, ihre Selbstständigkeit aufzubauen und zu gestalten. Für mich ist es wahnsinnig spannend, diesen Prozess des Entwickelns und Entstehens zu begleiten und es braucht eine große Sensibilität.

Wenn ich mit Unternehmen zu tun habe, gestaltet sich die Sache anders. Die Aufgabenstellung ist hier eine andere, doch nicht minder sensibel. Diese Sensibilität liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Wenn ich mit einer Firmenmarke zu tun habe, ist es den Verantwortlichen dort meist nicht bewusst, dass die Identität des Unternehmens dranhängt, was ein politisches Thema nach innen ist. Meist besteht nämlich die Annahme, dass eine Firmenmarke nur nach außen geht in der Kommunikation. Diese kann man formen, wie es am besten passt. Doch ist vielen die Stringenz in der gesamten Kommunikation nicht bewusst. Hier geht es um Markenpositionierung, die gemeinsam entwickelt und konsequent wie auch konsistent durchgezogen werden muss. Darin habe ich eine ganz andere Aufgabenstellung, denn am Ende müssen verschiedene Fragestellungen in verschiedene Richtungen aufgedröselt und mit mehreren Köpfen verknüpft werden. Sodass am Ende alles zusammengeführt und ein Schuh draus wird.

Ich erinnere mich an meine Zeit bei Müller: Wir haben damals Unsummen verbraucht, um in fast drei Jahren Marktforschung herauszufinden, wie der Kunde tickt, was er braucht, was er bevorzugt, welche Präferenzen er hat, was er gar nicht mag, wie er konsumiert, was er konsumiert, warum er konsumiert ... um daraus zu lernen, wie die Verpackung der Müllermilch ausschauen muss. Jede Ecke, jede Kante dieser Flasche hat einen Grund. Mit Produkten kann man so etwas machen, mit Menschen nicht. Bei einer Personenmarke muss man von innen nach außen denken, bei einer Produktmarke muss man in beide Richtungen denken.

Was ich heute mache, ist für mich faszinierend und bestärkt mich, etwas Gutes zu tun. Ich liebe es, Zusammenhänge zu finden, Puzzlestücke zusammenzufügen und das weiter nach vorne zu bringen. Sachen aus den Menschen herauszuholen, herauszukitzeln und es so hinzubekommen, dass es »ihr Ding« bleibt. Ich will die Menschen verstehen. Ich will das Einzigartige erkennen. Toll ist es, wenn ich dann gesagt bekomme: „Passt!“ Oder es ist ein tiefes Danke. Und wenn ich dann das Glänzen in den Augen sehe, wie in diesem Moment, dann weiß ich: Okay, das ist es.