Wenn der Chef die Null im Unternehmen ist

von Achim Halstenberg

Fühlen Sie sich davon vielleicht auf den Schlips getreten? Dann tut mir das leid – aber es ist zu 80 Prozent genau das Feedback, was ich von Mitarbeitern bekomme, die ich im kontinuierlichen Verbesserungsprozess trainiere und begleite. Deswegen möchte ich heute ganz offen über Führungsverantwortung sprechen. Warum bezeichnen Mitarbeiter ihren Chef als »Null«? Weil sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden. Weil ihr Chef nahezu gar nicht führt, sondern 90 Prozent operativ tätig ist. Weil Infos nicht weitergetragen werden, der Chef nicht präsent ist und keine Transparenz im Unternehmen herrscht. An Feedbackgespräche oder Gespräche über Zielvereinbarungen brauchen wir hier gar nicht erst denken.

Was macht der Chef eigentlich den ganzen Tag?
Besonders in Produktionsunternehmen ist es an der Tagesordnung, dass Führungspersönlichkeiten zu einem Großteil im operativen Geschäft eingebunden sind. Bleibt so genügend Zeit für die Führungsaufgaben? Sie ahnen es schon – natürlich nicht! Gute Führung nimmt viel Zeit in Anspruch. Deswegen ist eine Bedingung, dass eine Führungskraft ihre operativen Tätigkeiten vollkommen abgibt. Wenn es brennt, kann sie natürlich noch als Feuerwehrmann oder -frau dienen, aber auch nur dann.

Können Sie »Führung definieren«?
Wenn ein Chef von seinen Mitarbeitern als Null bezeichnet wird, kommt er also seiner Führungsverantwortung nicht nach. Er hat nicht die nötige Zeit zur Verfügung, um seine Mitarbeiter im Auge zu haben, sie einzuschätzen, zu prämieren, ihnen Rückmeldung zu geben, über berufliche und private Ziele zu sprechen oder sie weiterzuentwickeln. All das gehört zur Führung – und wer dem nicht nachgeht, hat meines Erachtens nicht einmal eine Definition von Führung. Kaum eine Führungskraft hat dies, wenn ich danach frage.

Diejenigen, die Führung nie gelernt haben, muss ich dabei in Schutz nehmen. Sie sind in ihre neue Position »geschubst« worden und hatten von heute auf morgen die Verantwortung für Mitarbeiter. Niemand hat ihnen gezeigt, worauf es ankommt, wie sie in diese Rolle wachsen können und was notwendig für erfolgreiches Führen ist.

Am Ende führen wir Menschen, keine Maschinen!
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ich Führung definiert habe. Ja – in der Tat. Für mich ist Führung »die zielorientierte Beeinflussung von Mitarbeitern zur Zielerreichung«. Und für mich ist so eine Führung absolut erlernbar – sie hat nichts mit dem Alter zu tun und findet hauptsächlich auf der Beziehungsebene statt … denn am Ende werden Menschen und keine Maschinen geführt. Genau so arbeite ich seit 15 Jahren

Mein Tipp, damit Sie als Chef keine Null sind: Führen Sie situativ, bringen Sie Ihre Mitarbeiter damit mehr und mehr in die Selbstverantwortung.