Was ist die Wahrheit?

Wir alle sind mit unterschiedlichen Motiven, anders gesprochen emotional aktiven Antreibern, ausgestattet, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Was unsere Realität und Wahrheit ist, sieht unser Gegenüber anders und das kommt häufiger vor, als wir denken. Monika Janzon von Ben Schulz und Consultants beschreibt das an einem Beispiel, das ihr selbst widerfahren ist …

Ich war mit einer Freundin beim Abendessen. Am Nebentisch saß ein Pärchen, das immer lauter wurde. Nach meiner Interpretation haben sie sich gestritten und daher sagte ich zu meiner Freundin: „Die Beziehung dieser beiden ist wohl fast am Ende.“ In diesem Moment war das meine Wahrheit. Meine Freundin bewertete die Situation allerdings aus ihrer Wahrnehmung und sagte, dass sie es zwar auch störend fände, dass die beiden sich so laut unterhalten, aber wie ich darauf käme, dass die Beziehung am Ende sei. Die beiden hätten einfach etwas zu diskutieren. Wie unterschiedlich wir Dinge, die wir wahrnehmen, bewerten und interpretieren können, nicht wahr?

Wer hat Recht?
Jetzt stellen Sie sich vor, dass meine Freundin die Begebenheit in unserem gemeinsamen Kollegenkreis erzählt. Sie würde wahrscheinlich sagen, dass wir neulich Essen waren und ein Pärchen erlebt haben, das sich ordentlich die Meinung gesagt hat. Sie erzählt weiter, dass es richtig gut zu sehen war, dass man in einer gesunden Beziehung auch einmal streiten kann und eine gute Streitkultur lebt. Hätte ich die Situation erzählt, hätte ich höchstwahrscheinlich gesagt, dass deren Beziehung wohl kurz vor dem »Aus« sei. Und, ich würde über meinen Frust (streiten löst bei mir Frustration aus) sprechen, dass es von den beiden sehr unverschämt war, ihren Streit in aller Öffentlichkeit auszutragen. Wer aber hat jetzt Recht?

Kommunikation ist Gold wert
Was ich selbst als objektiv empfinde und nach meiner Interpretation für die Wahrheit halte, ist für den anderen noch lange nicht wahr oder die Realität. Übertragen wir dies auf Führungskräfte in ihrer Führungsarbeit: Der Vorgesetzte schreibt kurze E-Mails mit klaren Anweisungen ohne große Worte, vielleicht sogar ohne Anrede oder Grußformel. Aus Sicht der Führungskraft ist das eine ganz normale Sache ohne große Bedeutung für die Beziehung zum Mitarbeiter. Aus Sicht des Mitarbeiters aber wirkt das anders. Je nachdem welche Motive ihn treiben, kann ihn die E-Mail verunsichern oder sogar wütend machen. Gehen Sie davon aus, dass es häufiger zu Missverständnissen, mitunter zu schlechten, unproduktiven Emotionen kommt, als Sie denken. Ich zitiere gerne einen Kollegen, der sagte „Greifen Sie zum Äußersten! Reden Sie miteinander.“ So schafft man Klarheit und räumt Missverständnisse aus.