Im Geschwindigkeitsrausch. Ein Leben ohne Tempolimit

Ein Leben auf der Überholspur und sich unbesiegbar fühlen – mal ehrlich, wer wünscht sich das nicht? Doch wenn man immer nur Vollgas gibt, ist ein Crash vorprogrammiert. Ben Schulz und Martin Sänger haben beide Crashs hinter sich und haben gemeinsam ein Buch zum Thema geschrieben. Darin reflektieren sie schonungslos und offen ihre eigenen Crashs, nehmen die Leser mit auf einen intensiven Roadtrip durch die USA entlang der legendären Route 66 und lassen sie an ihrer Mindset-Veränderung teilhaben. Wir haben beide zum Thema "Unbesiegbar" interviewt. Hier sind Martins Antworten.

Martin, fühlt man sich in Sicherheit, wenn man auf der Erfolgsspur unterwegs ist?
Ich glaube schon. Am Anfang ist man noch skeptisch, wenn der Erfolg beginnt, aber wenn man eine Zeitlang Erfolg hat, dann ist man tatsächlich euphorisch und denkt: „Mir kann nichts mehr passieren.“ Der Erfolg beflügelt dich und gibt dir das Gefühl, dass es immer nur weiter nach vorne geht. Da verliert man mit der Zeit einfach den Blick dafür, dass es auch anders sein könnte.

Das heißt, man sieht gar nicht die Gefahr, dass es irgendwann zu Ende sein könnte?
Ich glaube, viele sehen es nicht! Wenn ich von mir ausgehe – da denkst du nicht mehr drüber nach. Du bist so verwöhnt davon, dass es gut läuft. Dann beschäftigst du dich nicht damit, dass es schlechter werden könnte, sondern nur noch damit, wie es noch besser werden kann.

Macht der Geschwindigkeitsrausch als Unternehmer süchtig?
Ja, definitiv. Du machst dich ja selbstständig, weil du was erreichen willst. Und dann merkst du, hey, es funktioniert. Ziele zu erreichen ist ein tolles Gefühl! Und dann kommst du in eine Spirale: Du setzt dir sofort das nächste Ziel. Bei mir war es irgendwann schon so schlimm, wenn ich wusste, dass ich das nächste Ziel erreichen werde, dann habe ich mir schon ein neues gesetzt, ohne, dass ich das andere überhaupt erreicht hatte. Ich wusste aber, das läuft in jedem Fall. Und dann habe ich mir schon das nächste Ziel gesetzt. Und ich glaube, da kommt diese Sucht her. Immer ein wenig die Dosis erhöhen.

Warum, glaubst du, ist es vielen Menschen so wichtig, nach außen Erfolg zu suggerieren, obwohl sie eigentlich selbst gegen die Wand gefahren sind?
Ich glaube speziell in unserer Gesellschaft ist Scheitern, Verlieren oder wie man es nennen möchte, immer noch so ein Stigma, das man hat. Da hat man ein Branding in dem Sinne „Der hat das nicht geschafft, der Loser“. Und das ist zum Beispiel in Amerika ganz anders. Wenn da einer geschäftlich auf die Nase fällt, dann sagen die anderen: „Okay, du hast es probiert, jetzt steh auf und mach das Nächste.“ Da sind wir speziell in Deutschland einfach ganz anders. Wir sagen: „Ach guck mal, da ist er baden gegangen mit seiner Idee. Ich hab’s ja gleich gesagt.“ Das will natürlich keiner über sich hören und deswegen versucht man das Bild des Erfolgs aufrechtzuerhalten, auch wenn es nicht mehr so ist.

Was muss man tun, damit es nicht zum totalen Crash kommt? Gibt es Signale, auf die man achten und hören sollte? Und wie sehen die aus?
Das kommt ein bisschen auf den individuellen Fall an. In meinem Fall ging es ja um die Gesundheit. Da habe ich ganz klare Signale bekommen, die ich aber nicht ernstgenommen habe. Ich hatte Schlafstörungen und Probleme, mich zu konzentrieren, ich habe immer auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig getanzt – und das über einen längeren Zeitraum. Ich habe mir keine Pausen gegönnt, obwohl es genügend Leute gab, die gesagt haben: „Mensch guck mal, mach doch mal Pausen!“ Aber da bist du in diesem Erfolgsrausch und denkst dir: „Ich mach doch keine Pausen, es läuft doch gut!“ Und darin besteht die Schwierigkeit, auf diese Signale zu achten. Nicht alles, was einem andere Menschen sagen, ist automatisch Mist. Da kann auch was Schlaues dabei sein! Man muss nur darauf hören, speziell bei den Menschen, auf die man vertraut. In meinem Fall – meine Frau hatte mir das schon lange gesagt, aber selbst auf sie habe ich nicht gehört.

Was hat sich nach deinem ersten Crash für dich verändert?
Lustigerweise im ersten Schritt nichts. Ich hab gleich wieder so angefangen zu arbeiten wie zuvor. Ich habe dann aber noch mal einen kleinen Denkzettel bekommen, als ich abends im Hotelzimmer lag und wieder Brustschmerzen bekommen habe. Das war ziemlich genau ein Jahr nach meinem Herzinfarkt. Und da habe ich dann gemerkt: Das kann so nicht weitergehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwischen 180 und 200 Hotelnächte pro Jahr und das ist natürlich auf der einen Seite toll, es war ein Zeichen meines Erfolgs. Auf der anderen Seite ist das aber eben nicht machbar. Und da habe ich dann beschlossen, meine Trainingsfirma einzustampfen. Das war ein radikaler Schritt, aber ich hab' gewusst, wenn ich das jetzt nicht mache, dann habe ich vielleicht irgendwann keine Chance mehr dazu.

Warum sollte man aus deiner Sicht seinen eigenen Crash später reflektieren?
Da muss ich mich an ein Zitat von meiner Oma erinnern. Die hat immer gesagt: „Nur ein Esel stößt sich zweimal am gleichen Stein.“ Deswegen sollte man ziemlich genau wissen, wo dieser Stein liegt, wie groß er ist und wie man vermeiden kann, da nochmal dagegen zu laufen. Deswegen ist es so wichtig, nochmal zu reflektieren, wie es zu dem eigenen Crash gekommen ist und wie man sowas in Zukunft vermeiden kann. Bei mir steht jetzt die Gesundheit deutlich mehr im Fokus, als es vorher war.

Was wäre dein Wunsch für den Leser eures Buchs?
Mein Wunsch wäre tatsächlich, dass speziell die Leute, die sich in dem Stadium befinden wie ich vor meinem Herzinfarkt – nämlich erfolgreich und euphorisch – dass die doch die Anregung bekommen, zwischendurch wirklich auf die Bremse zu treten. Damit meine ich nicht, schnell mal eine Woche Urlaub mit der Familie einzuschieben. Sondern wirklich mal raus aus dem Ganzen und aus der Ferne betrachten, ist das noch gut, was ich hier mache oder muss ich mich verändern, damit es nicht zum großen Crash kommt?

Danke, Martin, für deine offenen Worte.