Fühlen wir uns nicht alle ein bisschen unbesiegbar?

Wir kennen es von unseren Kunden, von deren Kunden und vielleicht auch ab und an von uns selbst: das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Immer mit 220 Sachen auf der Überholspur und wehe, es schert mal einer aus. Im übertragenen Sinn natürlich. Ein Crash ist damit vorprogrammiert. Ben Schulz und Martin Sänger haben beide Crashs hinter sich und ein Buch zum Thema geschrieben. Wir haben beide dazu interviewt. Hier sind Bens Antworten:

Fühlt man sich in Sicherheit, wenn man auf der Erfolgsspur unterwegs ist? Oder sieht man die Gefahr, dass es irgendwann zu Ende sein könnte?
Wenn man auf der Erfolgsspur unterwegs ist, gibt es aus meiner Sicht zwei Typen: Es gibt den Verdränger, der nicht darüber nachdenkt, dass diese Erfolgswelle endlich ist, der sich sicher und unbesiegbar fühlt. Dieser kostet den Moment nach dem Motto: "It's party time!". Er gehört zu den Menschen, die sich erst dann mit einem Thema auseinandersetzen, wenn das Kind schon längst in den Brunnen gefallen ist. Dieser Typ kennt die Gefahr nicht.

Den zweiten Typen trifft man nicht ganz so oft: Er hat ein sehr demütiges Verhalten auf der Erfolgswelle, nimmt vieles nicht selbstverständlich, ist dankbar für den Moment und weiß sehr genau, dass es viele Gefahren und Unsicherheiten geben kann. Er empfindet Dankbarkeit, dass er den Erfolg lebt und weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Er schaut mit Weitblick nach vorne und überlegt, wie er Dinge beispielsweise auch strategisch in Zukunft hinbekommt.

Macht der Geschwindigkeitsrausch als Unternehmer süchtig?
Ich glaube ja. Vor allen Dingen immer dann, wenn man Bodenhaftung verliert. Dieses "Back to reality", was hat wirklich Wert, was ist wirklich wichtig, was ist selbstverständlich, was ist endlich und so weiter. Wer einmal in einem Geschwindigkeitsrausch drin ist, möchte den immer wieder haben. Hat man Vegas bei Nacht geschmeckt, will man immer wieder Vegas bei Nacht schmecken. Was dort alles passiert, hat für viele schon eine hohe Anziehungskraft. Was ja auch klar ist, denn wenn man in diesem Erfolgsrausch einmal war, will man ihn gerne wieder erleben. Das hat schon ein bisschen was von einem Wiederholungstäter. Man wird zum Wiederholungstäter seiner selbst. Das ist schon so.

Das Interessante dabei ist: Je mehr man in der Eigenreflexion ist, desto stärker beginnen Dinge, sich zu verändern. Auch von deren Gewichtung her. Man beginnt, den Geschwindigkeitsrausch anders zu interpretieren und auch zu leben. Man beginnt zu überlegen, ob bestimmte Settings, die früher einmal wichtig waren, heute überhaupt noch eine Relevanz für einen haben.

Warum ist es vielen Menschen so wichtig, nach außen Erfolg zu suggerieren, obwohl sie eigentlich selbst gegen die Wand gefahren sind?
Das hat etwas damit zu tun, dass man nicht scheitern möchte, weil man damit Ansehen verliert. Misserfolg bedeutet Gesichtsverlust. Dann ist es für den Betroffenen wichtig zu überlegen, wie er nach außen hin den Schein bewahren kann und keiner mitbekommt, dass er aktuell seine Stromrechnung nicht bezahlen kann. Im Endeffekt geht es ihm nur darum, seine Inszenierung am Leben zu erhalten, um Ansehen, Bewunderung und in Anführungsstrichen "gekaufte Freunde" nicht zu verlieren. Diesen Menschen ist es wichtig, dieses System nicht zu verlieren, welches sie sich eigentlich erkauft haben. Daher kommt auch der Satz: Die besten Freunde erkennst du in der Not. Denn die erkennst du daran, wer von ihnen dann noch da ist.

Scheitern, Misserfolg haben und auf die Nase fallen ist für jeden unangenehm. Für mich war es damals unangenehm zu wissen, dass ich durch eine unternehmerische Fehlentscheidung eine viertel Million Euro versenkt habe und dadurch zahlungsunfähig war. Es war dann nicht nur ein Aufrechterhalten des Systems, vielmehr wollte ich es für mich selber wiedergutmachen. Ich habe es hinbekommen, bin wieder aufgestanden und habe es wieder gekittet. Wenn ich heute wieder einen Misserfolg hätte, würde ich es mit dem heutigen Wissen wahrscheinlich nicht mehr genauso machen wie damals. Den Schein nach außen zu bewahren hatte mich Federn gekostet.

Was muss man tun, damit es nicht zum totalen Crash kommt? Gibt es Signale, auf die man achten und hören sollte?
Ich glaube, Machern und Menschen, die in einem hohen Drehzahlenbereich unterwegs sind, fehlt oft der Moment, ins Innere zu hören. Intuition. Das Tempo zwingt sie einfach dazu, schneller Entscheidungen zu treffen. Dann gibt es natürlich Situationen, die sehr risikoreich sind. Das hat zum Nachteil, dass ich dann bestimmte Dinge nicht mehr reflektiere und strategisch überlege und mir Fehler passieren können. Mal eine Nacht über etwas schlafen, und reflektieren könnte mich möglicherweise vor einem Crash schützen. Die andere Sache ist: Wer darf mich in meiner Geschwindigkeit stören? Wer darf mich unterbrechen? Für manche kann das der Partner sein, der von außen ein Veto einlegen darf, indem er die "Fahne schwenkt". Für andere kann das auch ein guter Freund oder Sparringspartner sein. Um einen Totalcrash zu verhindern - und das merke ich, wenn ich heute regelmäßig mit meinem eigenen Sparringspartner unterwegs bin -, hilft mir mein Sparringspartner, die Dinge zu reflektieren und mir in den Hintern zu treten. Beides kann mich vor einem Crash schützen.

Was hat sich nach deinem ersten Crash für dich verändert?
Mein erster Crash war ein Unfall bei meinen Eltern, als ich durch einen Schacht vier Meter die Leiter heruntergefallen bin und mir meine Wirbelsäule schwer verletzt hatte. Mein halbes Bein war taub und auch eine Beckenentzündung kam noch dazu. Alles in allem hatte ich fast ein Jahr damit zu kämpfen. Damit war mein größter Berufstraum zunichte. Ich wollte Personenschützer beim Bundesgrenzschutz werden, hatte mein Fachabitur in Richtung Kommunikationselektronik gemacht, weil mir das empfohlen wurde ... meinen ganzen Werdegang habe ich daraufhin ausgerichtet. Die Ausbildung war schon recht herausfordernd und von unseren anfangs 40 Mitanwärtern waren wir im dritten Jahr nur noch 15 - und ich war einer von ihnen. Und dann passierte das ein dreiviertel Jahr vor meinem Abschluss. Die Bundeswehr musterte mich aus, was auch gleich meine Ausmusterung für die Polizei bedeutete. Ich hatte die Jahre zuvor massiv dafür gekämpft und plötzlich war alles vorbei. Für mich verändert hat sich damit, dass ich gelernt habe: Du musst immer bereit sein für eine Neuerfindung. Jederzeit. Es gibt heute noch Momente, wo ich diesem nachtrauere. Doch durch dieses Zerbrechen musste ich die Kompetenz entwickeln, neu auf die Dinge zu sehen, mich neu zu erfinden, neue Strategien zu entwickeln und zu überlegen: Wie geht's weiter? Das war eine große Erfahrung, die mir später viel geholfen hat - vor allem unternehmerisch. Neu erfinden geht, man muss nur anders denken.

Warum sollte man aus deiner Sicht seinen eigenen Crash später reflektieren?
Das ist ein Verhalten, welches wir schon als Kinder haben: Wie oft fällt ein Einjähriger auf die Nase, bevor er das erste Mal sicher laufen kann? Das heißt: Lernen durch Schmerz. Wir haben heute noch dieses Phänomen in uns, es gehört zu unserer Lebenserfahrung. Ich glaube, wenn man die Crashs reflektiert, zieht man daraus etwas, was man in der Zukunft anwenden kann - und setzt Dinge ein, die man durchs Hinfallen gelernt hat. Als ich den Crash mit meiner Firma hatte, habe ich noch nie so viel gelernt, wie in dieser Zeit. Was mir heute hilft, aber nur in der Reflexion. Allerdings kann ich Dinge auch nur dann reflektieren, wenn ich damit Frieden habe. Hätte mich damals jemand nach einem Jahr angesprochen, wäre mir ein Reflektieren noch nicht möglich gewesen.

Was wäre dein Wunsch für den Leser eures Buchs?
Dieses Buch und die Tipps und die Anregungen nicht als Rezeptur sehen. Martin und ich haben beide eigene Stories, das heißt jeder geht auch mit Talfahrten anders um. Jeder, der unser Buch liest, soll die Chance haben, mit einzutauchen und die Situation und den Moment auch zu spüren. Und selbst wenn es nur ein Satz ist oder eine Fragestellung und diese transportiert den Leser in seine eigene Situation, lässt ihn reflektieren und sich fragen: Was hat das mit mir zu tun? Was könnten diese Fragen ändern? Und wenn wir es mit diesem Buch schaffen, nur einen Impuls zu setzen und jemanden in eine Aktion bringen, Dinge verändern zu wollen, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, dann ist der Wunsch schon erfüllt.